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Eichendorff

 

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Arnau / Арнау St. Katharinenkirche zu Arnau /

 Kuratorium Arnau

Eine Freundschaft ungleicher Geister
Gut 30 Jahre lang war Joseph von Eichendorff Mitstreiter an der Seite Theodor von Schöns

Joseph von Eichendorff (1788-1857)Aus der schicksalhaften Begegnung des katholischen Romantikers Joseph von Eichendorff und des aufgeklärten Kantianers Theodor von Schön erwuchs bei aller Gegensätzlichkeit eine langjährige und fruchtbare Freundschaft. Beide erkannten, daß bei gegenseitiger Wertschätzung gerade in den unterschiedlichen Ansichten die Möglichkeit der geistigen Bereicherung und Horizonterweiterung lag. Nachdem Eichendorff im November 1819 eine unbezahlte Assessorenstelle in Breslau angetreten hatte, wurde der damalige preußische Minister für Kirchen-, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, Karl Freiherr von Stein zum Altenstein, auf ihn aufmerksam und betraute ihn im Dezember 1820 mit den Geschäften eines katholischen Konsistorial- und Schulrats in Danzig. Der schlesische Dichter gelangte auf diese Weise in eine Provinz, die, nach den Worten des Ministers Altenstein, „des Lichts der Erkenntnis und der Erwärmung für alles Gute teilweise noch sehr bedürftig ist“. Unmittelbarer Dienstvorgesetzter wurde für ihn damit der damalige Oberpräsident von Westpreußen, Theodor von Schön, ab 1824 auch Oberpräsident von West- und Ostpreußen. Hieraus ergab sich eine Beziehung, die sich zu einer immer inniger werdenden Geistesfreundschaft wandelte. Schöns Bezeichnung „Herzensfreund“ ist Ausdruck dieser Wertschätzung. Gerne hätte er den schlesischen Dichter als seinen Biographen gesehen.

Praktisch 30 Jahre lang war Eichendorff an der Seite Schöns nicht nur Freund, sondern auch aktiver Mitstreiter und, wie es insbesondere in Berlin empfunden wurde, Parteigänger. Ausgedehnte dienstliche Inspektionsfahrten brachten sie eng zusammen. Schön weist dem schlesischen Dichter kein festes Dezernat zu, sondern ernennt ihn zu seinem „ständigen Korreferenten“, was zu einem fortlaufenden gemeinsamen Reiseleben zwischen Danzig und Marienwerder führt. 1824 veranlaßte Schön, daß der Dichter nach Königsberg übersiedelt. Da sich Eichendorff hier „an der Schneegrenze“ und in „sibirischer Verbannung“, wie er sich auszudrücken pflegte, völlig isoliert fühlte, schloß er sich Schön um so enger an und wurde häufiger Gast in dessen Herrenhaus Preußisch-Arnau.

Zunächst sorgte Schön für eine Verbesserung der finanziellen Situation. So schrieb er an Minister Altenstein: „Seine häusliche Lage ist sehr beschränkt; ich kann pflichtgemäß versichern, daß er bei seinen Verhältnissen als Familienvater mit den ihm bewilligten Diäten von 2 Reichstalern an diesem so überaus theuren Orte nicht auszukommen vermag und daß er sich deshalb in dringender Verlegenheit findet.“ Mit der Ernennung zum Regierungsrat im September 1821 wurde Eichendorffs Jahresgehalt dann auf 1200 Taler festgesetzt. Der frisch Ernannte bedankt sich bei Schön mit den Worten: „... unschätzbar ist mir das Glück, unter Eurer Exzellenz Befehlen und das Ganze klar erfassender und begeisterter Leitung an das Werk gehen zu können.“ Schön seinerseits äußert gegenüber Minister Altenstein seine Befriedigung, in Eichendorff „einen so unterrichteten, klarsehenden und wie ich fast schon fest glaube, guten Mann zum Gehülfen“ zu erhalten.

Schöns Regierungszeit und Eichendorffs Dienstzeit fallen nicht nur in eigenartiger Weise zusammen, sondern sie verbinden sich auch durch einen gleichsinnigen Geist, der in vielfachem Widerspruch zur Berliner Politik steht. Schön quittiert nach langwierigen Auseinandersetzungen 1842 seinen Dienst und zieht sich auf sein Gut Preußisch-Arnau zurück. Eichendorff scheidet zwei Jahre später aus dem Staatsdienst aus, als ihm deutlich wird, daß der preußische Reformgeist endgültig den starren Restaurationsbestrebungen unterliegt. Die Freundschaft der beiden fällt damit in eine äußerst bewegte Zeit, fernab von jeglichem Aktenstaub. Sie ist geprägt von der Auseinandersetzung mit dem von Napoleon entfachten Geist, dem Neubau des preußischen Staates und der Verfassungsfrage, dem Konfessionsstreit und dem Verhältnis zu Rußland.

So wie die deutsche Romantik wesentlich mehr ist als Waldesrauschen und Posthornklang, so ist Eichendorff alles andere als ein verknöcherter Beamter, der sich hinter seinen Aktenbergen verschanzt. Vielmehr erweist er sich als politisch außerordentlich wacher Geist, der unbeirrt seine Meinung vertritt. Er verkörpert damit den Typus des Beamten nach dem Herzen Schöns, der gebildet und im Urteil eigenständig, das geistige Fundament des neuen Preußen darstellen sollte. Daß beide damit laufend aneckten, ist offensichtlich und kommt insbesondere in Schöns Kampf sowohl gegen den preußischen Adel und den Anspruch des Militärs als auch gegen die Erstarrung der Verwaltung zum Ausdruck. Als Eichendorff seine Satire „Krieg den Philistern“ (1824) schreibt, inspiriert durch Clemens von Brentanos „Philistersatire“, kam auf 49 Bürger ein Beamter. Die Satire zielt in wenig schmeichelhafter Weise auf die kleingeistige Mentalität der damaligen Staatsdiener. Schön liest sie voller Begeisterung und schreibt 1824 an seine Frau: „Grüße Eichendorff und sage ihm, sein Philisterkrieg gefalle hier wohl, aber die rechte Wärme dafür wäre nicht da. Das mag die Philisterei hier selbst machen. Diese ist in kleinen Städten immer mächtig.“

Auf eine harte Probe wurde die Freundschaft durch den Fürstbischof von Ermland, Joseph Wilhelm Prinz von Hohenzollern-Hechingen, gestellt. Mit seinen Vorstellungen von der Neuordnung des katholischen Lebens insbesondere in Westpreußen geriet er immer wieder mit Schön heftig aneinander.

Der Fürstbischof versucht beständig, Eichendorff auf seine Seite zu ziehen. Es entwickelt sich so etwas wie ein Kampf um dessen Seele, der sogar die Formen von persönlicher Eifersucht annimmt. Fast schmollend beklagt sich der Bischof, daß Eichendorff „oft leider abwesend [ist], da er der beständige Reisegefährte des Herrn von Schön ist“.

Obgleich Eichendorff als Katholik die Kantianische Vernunftvergötterung bei Schön manchmal unheimlich findet, ist seine Treue zum protestantischen Aufklärer jedoch unverbrüchlich.

In der Wiederherstellung der Marienburg 1817 bis 1842 verbinden sich romantischer und liberaler Geist. Ihre von Schön betriebene Restauration, nachdem Max von Schenkendorff den Boden bereits geistig vorbereitet hatte, ist gleichermaßen Ausdruck des romantischen Volksbegriffes wie auch die Verkörperung des vom Königsberger Liberalismus entlehnten Begriffes der Nation. Sie vollzieht sich parallel zu der nach den Freiheitskriegen entstehenden Denkmalsbewegung und der Volksliedbewegung, vertreten durch Achim von Arnim und Clemens von Brentano, und ist ein östliches Gegenstück zu dem im Entstehen begriffenen Kölner Dom. Schön, der nach seinem Abgang am 3. Juni 1842 durch König Friedrich Wilhelm IV. mit dem Titel ‚Burggraf von Marienburg‘ ausgezeichnet wird, wertet die Wiedergeburt der Marienburg als Symbol eines zwar aus der Tradition erwachsenen, so doch völlig neuen Preußens. Als der preußische Kronprinz, der spätere Friedrich Wilhelm IV., die Marienburg besucht, wird ihm das Gedicht „Der Liedsprecher“ vorgetragen, ein von Eichendorff auf Wunsch von Schön verfaßtes panegyrisches Werk. 1843 legt Eichendorff seine umfangreiche Schrift „Die Wiederherstellung des Schlosses der deutschen Ordensritter zu Marienburg“ vor, eine Hommage an den Wiedererbauer Schön, in der er darauf hinweist, daß dieser die Marienburg „gleichsam neu gegründet“ habe.

1830 erscheint Eichendorffs Historiendrama „Der letzte Held von Marienburg“, welches das Schicksal des letzten Hochmeisters Heinrich von Plauen thematisiert. Hier berühren sich der Dichter und Schön sogar gedanklich in der Dichtung: Das Stück ist kein Heldengesang und es versteht die historische Aufgabe des Ordens im Sinne des christlichen Kreuzes.

Aber unter dem Einfluß von Schön geht die Schlußvision Plauens über die christliche Heilsgeschichte hinaus, indem sich das christliche Kreuz mit dem politischen Eisernen Kreuz verbindet, ein in der Zeit Metternichs gewagter Schluß:

Die Helden all’
aus ihren Gräbern geh’n;
Die richten schweigend
auf den stillen Höh’n
Ein wunderbares Kreuz empor
von Eisen
In der gewitterschwarzen
Einsamkeit. –
Da geht ein Schauer
durch das Volk der Preußen
Und noch einmal gedenkt’s
der großen Zeit.

Die Spuren Schöns im Werk des schlesischen Dichters sind vielfältig. 1825 erscheint in der Berliner Zeitschrift „Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz“ Eichendorffs „Trinklied“. In ihm finden sich nach Ansicht der Zeitgenossen Schön und der spätere preußische Finanzminister Eduard Heinrich von Flottwell wieder. Schön verleiht dem Lied den neuen Titel „In der Höh. Tafellied“ und ruht nicht eher, bis es nach der Vorstudie „Der neue Troubadour“ 1826 als Anhang zu der zwischen 1821 und 1825 in Danzig und Königsberg fertiggestellten Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ erscheint.

Die Freundschaft dieser beiden unterschiedlichen Geister ist für uns auch ein Vermächtnis, lehrt ihr Beispiel doch, daß trotz aller konträrer Positionen, und daran mangelt es in unserem politischen Gemeinwesen nicht, wechselseitiges Verständnis und gegenseitige Anerkennung zu geistigem Reichtum und neuen Horizonten führen können. Materieller Ausdruck dieser Freundschaft ist das Herrenhaus Preußisch-Arnau, dem Eichendorff als häufiger Gast eng verbunden war.

Noch steht dieses Herrenhaus und wie durch ein Wunder ist das Gastzimmer in seiner ursprünglichen Form erhalten. Seit 1992 bemüht sich das „Kuratorium Arnau e.V.“ erfolgreich um den Wiederaufbau der Arnauer Katharinenkirche. Es würde gerne auch das Vermächtnis von Schön und Eichendorff sichern, aber dazu bedarf es weiterer Hilfe.
 

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Quellen:
Bild: Archivmaterial;
Ein Beitrag von Walter T. Rix, veröffentlicht in:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt, 43/07 v. 27.10.2007


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