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Ein Gemälde

 

 

Arnau / Арнау St. Katharinenkirche zu Arnau /

 Kuratorium Arnau

Ein Gemälde von reiner Schönheit
Die Kirche von Arnau gilt als bedeutendes Kulturdenkmal

Arnau – "ein ostpreußisches Gemälde von reiner Schönheit", so bezeichnete Heinrich Theodor von Schön, als er sich nach seiner Ernennung zum Staatsminister und Oberpräsidenten der Provinz Preußen 1824 in Preußisch-Arnau niederließ, diesen Ort. Nicht ohne Grund hatte der bedeutende preußische Reformer und Staatsmann Arnau zu seinem Wohnsitz gewählt, rechtfertigten das ansehnliche Dorf und die äußerst anmutige Landschaft doch in jeder Hinsicht eine derartige Lobpreisung. Arnau ist nicht nur irgendein Flecken in Ostpreußen, sondern hier ergeben landschaftliche Anmut, historisches Geschehen und kunstgeschichtliche Bedeutung ein eindrucksvolles Zusammenspiel.

So war Arnau mit seinen gepflegten Gaststätten und der Schiffsanlandestelle am Pregel denn auch eines der beliebtesten Ausflugsziele der Königsberger, von den zahlreichen Regatten der Königsberger Rudervereine oder des Sportinstituts der Universität ganz zu schweigen. Und selbst heute, da nur noch wenige Häuser des alten Dorfes der Zerstörung entgangen sind und die Zeitereignisse aus der Katharinen-Kirche einen Torso gemacht haben, will es scheinen, als habe Arnau seinen ursprünglichen Reiz noch nicht ganz verloren.

Acht Kilometer östlich von Königsberg an der alten Reichsstraße 1 nach Gumbinnen lag unmittelbar an der Steilkante einer vom Pregel angeschnittenen Moränenplatte das Dörfchen Arnau mit bis 1945 etwa 280 Seelen. Heute kann man kaum mehr als zwölf der ehemaligen Gebäude zählen. Eine zweispurige Schnellstraße wurde mitten durch das Dorf gelegt, und die charakterlosen Betonklötze der ehemaligen Sowchose "Rodniki" schieben sich entlang der alten Kastanienallee zwischen den ehemaligen Dorfkern und das Herrenhaus Preußisch-Arnau.

So klein der Ort auch war, seine der Heiligen Katharina geweihte Kirche zählt zu den ältesten und schönsten Kirchen des Ordenslandes. Georg Dehio bezeichnet sie in seinem "Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler" als eines der "wichtigsten Baudenkmäler des Ordenslandes mit einer Reihe origineller Sonderlösungen in der erfindungsreichen und freien Gestaltungsweise der früheren Ordenszeit". Mit Bedacht haben die Erbauer der Kirche den Standort gewählt: In ihrer Südexposition nimmt sie eine beherrschende Stellung ein. Von dem 30 Meter zum Urstromtal des Pregel abfallenden Hang geht der Blick in südlicher Richtung weit über das durch Frisching, Huntau, Stradick, Paswar und Alle gebildete Niederungsgebiet hin bis zu den Moränenhügeln Natangens südlich von Kreuzburg.

Errichtet wurde die Kirche auf historisch bedeutsamem Boden. Prähistorische Gräberfelder, von denen russische Archäologen unlängst wieder einige freigelegt haben, künden davon, daß das trockene Hochufer des Pregeltales bereits seit Jahrhunderten besiedelt war. Unweit der Kirche lag auf einem Nachbarhügel, dem Hasenberg, eine preußische Fliehburg. An dieser Stelle errichtete der Ritterorden ein festes Haus, das erstmals 1320 urkundlich erwähnt wird. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Burganlage erbaute er dann den ältesten Teil der Katharinen-Kirche, dem etwa 1320 das Hauptschiff und einige Jahre später die Sakristei und der Turm folgten. 1349 verschrieb der Hochmeister die Kirche zusammen mit 24 Hufen dem gerade gegründeten Nonnenkloster im Löbenicht.

Dem Betrachter bietet sich die Kirche als ein auf einem Feldsteinsockel errichteter kraftvoller Backsteinbau dar mit einem wenig gegliederten und leicht in das Schiff eingezogenen Turm auf der Westseite sowie einer dreijochigen Vorhalle als Längsfront. Auffallende architektonische Entsprechungen in Norddeutschland, so die Katharinen-Kirche im schleswig-holsteinischen Westensee, lassen erkennen, daß hier ein bauliches Muster im Zuge der Ostkolonisation nach Ostpreußen übertragen wurde. Die Strenge des Baus wird aufgelockert durch weiße Blenden, ein weißes, schmales Putzband unter der Traufe sowie durch braune und grüne Glasursteine. Der Innenraum, der durch einen niedrigen Bogen zweigeteilt wirkt, ist kunstvoll gewölbt. Von besonderer kunstgeschichtlicher Bedeutung ist das achteckige Sterngewölbe mit dem Kämpfer über dem Scheitel des Bogens, der Schiff und Chor trennt. 1909 bis 1912 wurde die Kirche grundlegend restauriert.

Ein Teil des Sterngewölbes ist dem der St. Annen-Kapelle der Marienburg eng verwandt. Unter den Ansätzen des Sterngewölbes befanden sich auf kleine Podeste gestellte, gotische Apostelfiguren. Die als Baldachine für die Figuren ausgearbeiteten Backsteinkonsolen haben ihr Vorbild ebenfalls in der St. Annen-Kapelle der Marienburg. Von einzigartiger kunsthistorischer Bedeutung sind die aus der Entstehungszeit der Kirche datierenden und erst 1911 bei Restaurierungsarbeiten freigelegten Wandmalereien. Als Seccomalereien ziehen sie sich als doppelter Fries um das ganze Schiff. Sie wurden im 14. Jahrhundert von einem unbekannten Meister geschaffen und stellen in 119 Bildern mit Texten in gotischen Minuskeln den Heilsspiegel dar. Der erst 1324 von einem Straßburger Mönch geschaffene Heilsspiegel war ein lateinisches Gedicht, das in 42 Kapiteln die Heilsfragen des Alten und Neuen Testaments behandelte. In der Glasmalerei des Elsaß ist er mehrfach dargestellt worden.

Die kunstgeschichtliche Einmaligkeit im Fall Arnau liegt darin, daß es als Wandmalerei nur die Darstellungen des Königsberger Doms und der Arnauer Kirche gegeben hat. Es ist keine Übertreibung, wenn man feststellt, daß die Arnauer Wandmalereien nach der weitgehenden Zerstörung des Königsberger Domes den Status eines kunstgeschichtlichen Weltzeugnisses erhalten.

Arnau verbindet sich mit bedeutenden Namen, z. B. dem des kurfürstlich brandenburgischen Diplomaten Fabian Karlau vom Hofe (1610 bis 1678), der u. a. durch sein Verhandlungsgeschick Ostpreußen vor fremden Zugriff bewahrte. Der Große Kurfürst belehnte ihn dafür mit den Gütern Arnau und Fünflinden. Sein Grab befindet sich in der Kirche. 1994 wurde es aufgebrochen und beraubt. Wiederholt verlebte E. T. A. Hoffmann Ferientage im Arnauer Pastorat.

Besondere Bedeutung für Arnau hat jedoch der preußische Reformer Theodor von Schön (1773 bis 1856). Als Weggefährte des Reichsfreiherrn vom Stein, als Initiator der Erhebung der preußischen Landstände gegen Napoleon, Oberpräsident der Provinz Preußen, Restaurator der Marienburg und maßgeblicher Beförderer der Bauernbefreiung zählt er zu den großen Persönlichkeiten nicht nur der preußischen Geschichte. Durch seine enge Freundschaft mit dem Dichter Joseph von Eichendorff, der ein gern gesehener und häufiger Gast auf Preußisch-Arnau war, wird Arnau bald zum Kristallisationspunkt sowohl von aufklärerischem als auch von romantischem Gedankengut. Die sich bis tief in die Nächte hinein erstreckenden Erörterungen zwischen dem katholischen Romantiker und dem freisinnigen Aufklärer hat Theodor von Schön in seinen umfangreichen "Nachtgesprächen" aufgezeichnet.

Da die Sowchose in dem Herrenhaus ihre Verwaltung eingerichtet hat, blieb das Fremdenzimmer, in dem der Dichter während seiner Besuche weilte, in seinem äußeren Erscheinungsbild weitgehend erhalten. 1856 wurde Theodor von Schön in der Familiengruft, die bereits seine früher verstorbene Tochter und Ehefrau barg, unweit der Katharinen-Kirche beigesetzt. Nachforschungen Ende 1997 ergaben, daß man die Gruft bereits 1949 aufgebrochen und die Särge entfernt hatte.

Gegenwärtig bieten Arnau und seine Kirche ein Bild des Jammers. Zwar hatte die Kirche den Krieg unversehrt überstanden, aber nach Plünderung der aus der Zeit der Renaissance und des Barock stammenden Einrichtung wurde sie schließlich als Getreidespeicher zweckentfremdet. Das wirtschaftliche Interesse führte allerdings dazu, daß der Baukörper insgesamt leidlich gut erhalten blieb. Allerdings zeigen sich in einigen Bereichen schwerste Schäden. Die Apsis wurde durchbrochen, damit Lastwagen in die Kirche fahren können. Den Turm hat man "enthauptet", d. h. um mehrere Meter abgetragen.

Ähnlich hat man die Vorhalle des Seiteneingangs in der Höhe reduziert. Durch teilweises Abtragen der Seitenwände dieser Vorhalle entstandenen offenen Fugen, in denen sich wie auch an anderen Stellen Birken festgesetzt haben. Um die Kirche als zweigeschossiges Getreidelager nutzen zu können, wurde etwa auf halber Raumhöhe ein Zwischenboden eingezogen. Dabei ging man zwar brutal vor, beseitigte alte Bauteile wie Rippen des Sterngewölbes, Konsolen und Engelsköpfe jedoch nur dort, wo sie im Wege waren. Insgesamt ist das kunstvolle Sterngewölbe jedoch erstaunlich gut erhalten. Oberhalb des eingezogenen Schüttbodens kommt in einigen Bereichen die Wandmalerei unter der Kalkübertünchung zum Vorschein. Im Mittelbereich der Südwand ist bei gegenwärtigem Zustand in fast symbolischer Weise eine sehr eindrucksvolle Christusdarstellung zu erkennen. Wieviel an Wandmalereien unter der Übermalung noch vorhanden ist, ließ sich unter den gegebenen Umständen noch nicht ermitteln. Die noch erkennbaren Reste befinden sich in keinem guten Zustand. Rücksichtslosigkeit, Unvernunft, aber auch der allgemeine Verfall haben ihre Spuren hinterlassen.

Eine Ortsbesichtigung im Juli 1992 führte auf deutscher Seite zur Erkenntnis, daß jetzt die letzte Möglichkeit zur Rettung eines unvergleichlichen Kulturdenkmals besteht und daß unverzüglich gehandelt werden mußte. Unmittelbar darauf konstituierte sich das "Kuratorium Arnau", unter der Federführung eines Architekten, eines Kunsthistorikers sowie eines Theologen. Inzwischen ist das "Kuratorium Arnau" ein eingetragener gemeinnütziger Verein.

Etwas später gründete sich auf russischer Seite der Kooperationspartner "Verein Arnau/Obschtschestwo Arnau". Beide haben sich zum Ziel gesetzt, gemeinsam die "Sicherung und Pflege der Kirche in Arnau bei Königsberg/Pr. und der Grabstätte des preußischen Reformers Theodor von Schön" zu betreiben. Angesichts dieser großen Aufgabe streben beide Gremien auch eine Zusammenarbeit mit allen Vereinigungen und Einzelpersonen an, die bereit sind, dieses Ziel zu unterstützen.

Kompetenzstreitigkeiten und Rivalitäten russischer Behörden, Rechtsunsicherheit und Gleichgültigkeit gegenüber Verträgen, materielle Begehrlichkeiten und Unverständnis auf russischer Seite führen dabei zu einer nicht enden wollenden Kette von Überraschungen und Ernüchterungen, die nur durch Beharrlichkeit, Fingerspitzengefühl und Realitätssinn überwunden werden können. Daneben dürfen Eifersucht und Profilierungsstreben deutscher Kreise nicht verschwiegen werden.

Mit welchen zusätzlichen Problemen gerechnet werden muß, zeigt darüber hinaus ein Vorfall im November 1997. In dem Pfarrwitwenhaus gegenüber der Kirche hatte der Hamburger Verein "Gedenkstätten Königsberg" unter zunächst gleichberechtigter Beteiligung des "Kuratoriums Arnau" über seinen dortigen Repräsentanten einen Raum erworben, der kleinen Ausstellungen sowie der Unterbringung von Material dienen sollte. Nachdem besagter Repräsentant bei einer Feier mit Freunden in fröhlicher Runde eine marode Feuerstelle in Betrieb genommen hatte, brannte der gesamte Dachstuhl aus, so daß das Gebäude nicht mehr bewohnbar ist.

Trotz all dieser Schwierigkeiten haben sich unterm Strich Erfolge eingestellt: Die Kirche steht nunmehr einerseits unter Denkmalschutz und scheint damit einer weiteren mutwilligen Zerstörung entzogen zu sein. Andererseits pocht der Nachfolgebetrieb der Sowchose "Rodniki" auf verbriefte Eigentumsrechte an dem "Getreidespeicher". Mit den idealistischen Restaurierungsplänen muß man daher zwischen diesen Fronten operieren.

Einige Maßnahmen gegen Witterungseinflüsse und unbefugten Zugang wurden durchgeführt. Die Eingangshalle erhielt ein Notdach, und am Turm wurde für eine Wasserableitung gesorgt. Und schließlich hat das "Kuratorium Arnau" mit der Organisation und Durchführung von drei gut besuchten Konzerten auch dafür gesorgt, daß die Kirche wieder Leben erlangt. Dies mag Ermutigung sein, trotz aller Hemmnisse und Schwierigkeiten mit Entschlossenheit und Augenmaß das gesetzte Ziel weiterzuverfolgen.

Wie kann die Zukunft aussehen? Von wirklichkeitsfremden Träumereien müssen wir Abschied nehmen. Um das Kulturerbe nachfolgenden Generationen übergeben zu können, gilt es, die Substanz dauerhaft zu sichern und schrittweise zu restaurieren. Große Lösungen benötigen Zeit und Geld zur Verwirklichung. Der dünne Strom an Spenden, das aus politischen Gründen zurückhaltende Interesse offizieller deutscher Stellen wie auch das immer wieder geschürte Mißtrauen auf russischer Seite zwingen zu überlegtem Einsatz der Mittel. Also eine Jahrhundertaufgabe? Der Bau der Kirche vor fast 700 Jahren war auch eine solche. Die das Fundament legten, haben das fertige Werk nie gesehen. Damals verzagten die Menschen nicht und schufen Großartiges – schrittweise und Stein auf Stein.

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Quelle / Источник:
Ein Bericht von Walter T. Rix und Ralph Schroeder, veröffentlicht in:
Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 1997

Слушать файл mp3: Звон колокола кирхи Арнау 23.9.2003 / MP3-Audio-Datei starten: Glockengeläut der Kirche Arnau am 23.9.2003

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weitere Informationen:
Maltechniken: Die Unterschiede zwischen der Wandmalerei und der Freskomalerei


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